Antworten auf Fragen im letzten Lebensabschnitt für Personen in der Altenpflege, pflegende Angehörige und Interessierte.
Klagen als Zeichen einer Sinnkrise
- „Wieso nur, habe ich mein Leben lang alles für meine Kinder getan und jetzt findet keines Zeit, mich anzurufen oder mich zu besuchen?“
- „Jahrelang habe ich meine Freundinnen jeden Mittwoch-Abend zu mir eingeladen, denken Sie eine einzige würde mich jetzt mal besuchen?“
- „Mein Sohn arbeitet seit 5 Jahren in Moskau; er besucht mich einmal im Jahr. Ich bin verzweifelt. Was habe ich bloß falsch gemacht?“
Ein längeres Verweilen in einer klagenden Haltung, in der sich der alte Mensch als Opfer sieht, mag vielleicht kurzfristig eine psychische Entlastung ermöglichen, führt aber nicht aus der Krise heraus.
Ein Impuls zur Änderung der Sichtweise auf die Dinge, ist in der Aussage Viktor E. Frankls enthalten:
„Das Leben selbst ist es, das dem Menschen Fragen stellt. Er hat nicht zu fragen, er ist vielmehr der vom Leben her Befragte, der dem Leben zu antworten – das Leben zu ver-antworten hat.“ (Viktor E. Frankl)
Ursachen für Sinn-Krisen im Alter
Gesellschaftliche Entwicklungen
- Digitalisierung und Globalisierung in atemberaubendem Tempo
- Außerachtlassen von Langsamkeit und Verletzlichkeit alter Menschen
- Egozentrierung und Isolierung
- Verlust des Zusammengehörigkeits- und Gemeinschaftsgefühl
Individuelle Entwicklungen
- Gebundenheit an die Wohnung und geringe Möglichkeiten, diese zu verlassen durch körperliche Gebrechlichkeit und/ oder finanzielle Not, etc…
- Wenig bis kein Kontakt zu Familienangehörigen oder Freunde und Freundinnen durch getrenntes Wohnen, Berufstätigkeit im Ausland oder auch innerfamiliäre Zerwürfnisse, etc…
- Verlust von langjährigen Freunden und Freundinnen und Bekannten durch Tod, Umzug, etc..
- Verlust nachbarschaftlicher Verbindungen
- Viel Zeit zum Nachdenken und Lebens-Bilanzieren
- Seelische Not
- Erwartungen der Familie, Freunden und Freundinnen/ Bekannten gegenüber
- Das näherkommende Lebensende
- Angst vor dem Sterben
- Eine überwiegend negative Lebensbilanz
Diese Entwicklungen erkennen wir in der Praxis beispielsweise daran, dass die Menschen
- Über Einsamkeits- und Verlassenheitsgefühle klagen,
- Angehörige und nahestehende Personen verurteilen,
- Enttäuschung und Schuldgefühle ausdrücken,
- In Verzweiflung und Selbstmitleid versinken,
- Berechnungen anstellen,
- Todeswünsche, bis Selbstmordandrohungen äußern,
- Sich als Belastung für andere empfinden
Die provisorische Daseinshaltung:
Der alte Mensch ist sich in seinem momentanen Zustand einer Lebensaufgabe nicht bewusst. Er lebt in den Tag hinein, will/ kann keinerlei Verantwortung für sich selbst übernehmen und ist zur Selbsterziehung nicht in der Lageoder nicht dazu bereit.
Die fatalistische Lebenseinstellung:
Der alte Mensch ahnt seine Verantwortlichkeit, meidet aber die Übernahme persönlicher Verantwortung für sein Leben.
Im Falle der fanatischen Lebenseinstellung:
Der alte Mensch sieht nur sich selbst und nimmt andere Menschen, auch anders denkende Personen, kaum oder gar nicht mehr wahr. Er ignoriert diese bzw. sieht in ihnen nur ein Mittel zu seinem Zweck.
Frankls Einspruch mit folgender Aussage:
„Mensch sein heißt ja niemals, nun einmal so und nicht anders sein zu müssen, Mensch sein heißt immer, immer auch anders werden können.“ (Viktor E. Frankl)
Ursachen-Komplexe, die die Bewältigung von Sinn-Krisen erschweren:
- Der Rückgriff und Zugriff auf bereits erprobte und in Krisensituationen gewohnte Verhaltensweisen ist erschwert.
- Die Anpassung an eine neue, veränderte Situation ist verlangsamt und erschwert.
Logotherapeutische Wege der Bewältigung
Die körperlichen Abbauprozesse, die Verlangsamung von Bewegungen, die sichtbaren Abnützungserscheinungen und die nachlassenden Kräfte mögen im Alter unvermeidlich sein, der Kraft des Geistes können sie nichts anhaben. Die geistige Dimension allein, kann diesen Abbauprozessen etwas entgegensetzen, was nicht greifbar, aber in gelebter Weise sichtbar ist, in der Haltung und Einstellung einer unvermeidlichen Situation gegenüber.
Der persönliche Freiraum, den jeder Mensch – auch der Hochbetagte – hat, bleibt bis zum Tod ein Raum, der gestaltet werden kann. Wenn nicht mehr durch aktives Handeln, so doch durch das – für Außenstehende – vorbildliche Tragen und Ertragen einer schweren und/ oder krisenhaften Situation.
Den Aufgabencharakter des Lebens hat Viktor E. Frankl so erklärt:
Jeder Mensch hat durch das, was er erlebt, erlitten und überlebt hat, bestimmte Fähigkeiten erworben. Diese Fähigkeiten, die ihn auszeichnen, sind dadurch entwickelt worden, dass wechselnde Herausforderungen auf ganz persönliche Weise bewältigt wurden. Die Einzigartigkeit der Person und die Einmaligkeit der Situation haben zur Kultivierung von Eigenschaften geführt, die nur diese Person, so besitzt. Demnach hat jeder alte Mensch bereits eine Fülle von schwierigen Lebenssituationen bewältigt. Die dadurch erworbenen Fähigkeiten qualifizieren ihn als Spezialisten für genau jene Krisensituationen, die er selbst erfolgreich überwunden hat.
Vorbild: Eigensinn
Ein geglückter Alterungsprozess beinhaltet die Verwirklichung der eigenen Träume, manchmal auch gegen den Willen der nächsten Angehörigen.
Einstellungsänderung einleiten
Wenn der alte, krisengeschüttelte Mensch, an seine körperlichen und seelischen Grenzen gestoßen ist, bleibt immer noch ein Weg, das eigene Schicksal aus einer anderen Perspektive zu betrachten und eine Neubewertung vorzunehmen. Es ist mit Sicherheit nicht der leichteste Weg aber ganz sicher der lohnendste.
Komfortzone verlassen
Die oben erwähnte Einstellung lässt sich um so leichter durchführen, je mehr Übung man darin hat. Damit muss nicht bis zum 90. Lebensjahr gewartet werden, es empfiehlt sich ein früherer Trainingsbeginn.
Eine komfortable, gewohnheitsmäßige Situation, kann freiwillig verlassen werden mit der Absicht, sich ohne Sicherheitsnetz, in eine neue, fremde und ungewohnte Situation zu begeben. In einer Komfortzone sind wir dann, wenn wir an liebgewonnen Gewohnheiten festhalten, auch dann noch, wenn wir wissen, dass diese gesundheitsschädlich oder lebensfeindlich sind.
Erwartungshaltung ablegen
Eine ziemlich sichere Garantie für Enttäuschungen finden wir in der Erwartungshaltung an andere. Erwartungen an andere liegen stets im schicksalhaften Bereich, sie können, wenn wir Glück haben, erfüllt werden, aber auch, wenn wir Pech haben, unerfüllt bleiben. Und das schlimme ist, wir haben keinerlei Einfluss darauf. Wenn wir aber erkennen, dass wir in unserem persönlichen Freiraum, alle wünschenswerten Entscheidungen selbst treffen können, haben wir auch die Chance diesen Raum zu nutzen und nicht darauf zu warten, bis andere oder ob andere in unserem Sinne entscheiden.
Humor als Rettungsanker
Samuel reist mit dem vierjährigen Jakob und dem einjährigen Jossi im Zug. Die Kinder toben und machen Krach, dass es nicht mehr schön ist. Im Nachbarabteil beschwert sich ein Fahrgast beim Kontrollor: „Sagen Sie dem Herrn da im Nachbarabteil, wenn nicht bald a Ruh ist, dann passiert was!“ Der Kontrollor geht zu Samuel und sagt: „Sie, da nebenan im Waggon hat sich ein Gast beschwert, ich soll Ihnen ausrichten: „Wenn nicht bald a Ruh ist, dann passiert was!“ Darauf Samuel: „Hören Sie, meine Frau liegt im Spital und muss operiert werden, unsere 16 jährige Tochter ist schwanger und wir wissen nicht von wem, der kleine Jossi hat gerade in die Windel gemacht und ich hab keine Ersatzwindel mit, der Jakob hat gerade die Fahrkarten zum Fenster hinausgeworfen und ich kann nicht beweisen, dass wir welche hatten. Was glauben Sie kann mir noch passieren?“
Verborgene Schätze ausgraben
Jeder Mensch verfügt aufgrund seiner ganz persönlichen Erfahrungen in der Bewältigung von Lebenskrisen über Kompetenzen, die nur er auf seine Weise hat. Manchmal hilft die Frage: „Erinnern Sie sich noch daran, was Sie früher gemacht haben, wenn Sie in einer ähnlich schlimmen Lage waren?“
Kompass Gewissen benützen
Frankl hat das Gewissen als Kompass zur Orientierung im Leben beschrieben:
„Das Gewissen gehört zu den spezifisch menschlichen Phänomenen. Es ließe sich definieren als die intuitive Fähigkeit, den einmaligen und einzigartigen Sinn, der in jeder Situation verborgen ist, aufzuspüren. Mit einem Wort, das Gewissen ist ein Sinn-Organ.“ (Viktor E. Frankl)
Impulse aus der Gemeinschaft:
Manchmal benötigen Menschen einen Anstoß aus der Familie oder von nahestehenden Personen, als Hilfe für eine Veränderung ihrer Sichtweise in einer Krisensituation. Diese Impulse können durchaus provokanter Natur sein, wie z.B.: „Mein ganzes Leben lang hab ich dich dafür bewundert, dass du nie aufgegeben hast. Willst du jetzt wirklich die Flinte ins Korn werfen?“
Leidtragen als Leistung
Frankls Meinung dazu war eindeutig. Es ist wahrlich keine Kunst ein gutes Leben zu führen, wenn alles benötigte, permanent zur Verfügung steht. Ein Leben aber, dass in Entbehrung, Not und Mangel geführt und tapfer ertragen wird, ist es eine Herausforderung für jeden Menschen und bedarf Leistungen, wie Einschränkungen, Verzicht, Aushalten von Schmerz und Leid. Daher war Frankl der Meinung, dass der leidende Mensch am höchsten steht.
Leitsätze
1. Nichts ist selbstverständlich!
2. Raus aus der Komfortzone, hinein in die Wachstumszone!
3. Von der Opferrolle in die „Gestalterrolle“ wechseln!
4. Dem Leben einen Vertrauensvorschuss geben!
5. Öfter die volle Lebensscheune betrachten und weniger das leere Stoppelfeld!
5. Vergangenes als gerettetes Leben!
Der Vertrauensvorschuss an das Leben, an seinen bedingungslosen Sinn, ist vielleicht im hohen Alter schwerer zu erbringen als in jungen Jahren. Darauf zu vertrauen, dass die Sinnhaftigkeit einer Krise, sich zu einem späteren Zeitpunkt im Leben offenbaren wird, ist aber in diesem Zusammenhang wesentlich.
Viktor E. Frankl ist nicht müde geworden zu betonen, dass die meisten Menschen am Ende eines langen Lebens bzw. bei der Lebensbilanzierung meist nur die leeren Stoppelfelder sehen, die unerfüllten Träume, die nicht verwirklichten Wünsche. Sie übersehen gerne die volle Scheune des Lebens, in die die Lebensernte eingebracht wurde, die schönen Stunden, die guten Augenblicke, die glücklichen Momente, die liebevollen Umarmungen, etc…
Ingrid Bruckler, DGKS. Lehrerin für Gesundheits- und Krankenpflege
Prof. Dr. Frankl, der Begründer der Höhenpsychologie, hat mit Hilfe der Trotzmacht des Geistes, dem letzten persönlichen Freiraum, die Torturen der Nazidiktatur überlebt und ist somit ein leuchtendes Beispiel für die Kraft des Guten und den Widerstand gegen Zerstörung, die ein Mensch aufgrund seiner geistigen Dimension erbringen kann. Er starb am 2. 9. 1997 in Wien.
Literatur:
V. E. Frankl: Was nicht in meinen Büchern steht, Beltz Verlag, Weinheim, 4.Auflage, 2011
V. E. Frankl: Trotzdem ja zum Leben sagen…, Kösel Verlag, München, 6. Auflage, 2015
V. E. Frankl: Ärztliche Seelsorge, Deuticke Verlag, Wien, 11.Auflage, 2005
J. Schechner, H. Zürner: Krisen bewältigen, Braumüller Verlag, Wien, 3. Auflage, 2016
E. Lukas: Aus Krisen gestärkt hervorgehen, Topos verlag, 2013
A. Grün: Die hohe Kunst des Älterwerdens, dtv, München, 2010
H. Hesse: Mit der Reife wird man immer jünger, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. Main,,2004
I. Bruckler: Pflege alter Menschen, Facultas Verlag Wien, 2. Auflage, 2015
Kontakt:
Ingrid Bruckler
Vorträge – Beratung – Seminare/ Demenz- und Palliativfragen
Pramergasse 6/ 1/ 6
1090 Wien
Tel: 0664-3221506
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